Lutheratur in der Haag-Villa


Nachdem die Theater-Intendantin Juliane Votteler den Literarischen Salon aus dem Augsburger Stadttheater warf, weil ihr die Meinung des Veranstalters Kurt Idrizovic zur teuren Theatersanierung nicht gefiel, ist dieser mit seiner Literatur-Serie in die Haag-Villa gezogen.

Vor ausverkauftem Haus debattierten am Dienstag, 11. April 2017 Stadtdekanin Susanne KaschAstrid Gabler, Leitung Kommunikation Fugger'sche-Stiftung und daz-Autor Bernhard Schiller über Bücher die zur Person Martin Luther veröffentlicht wurden. Die Moderation hatte Matthias Ferber, Juror beim Kunstförderungspreis der Stadt Augsburg. Von ihm erfuhren die Anwesenden auch, dass Luther und seine Idee gerade durch den aufkommende Buchdruck bekannt und verbreitet wurde.


Interessiertes Publikum in der ausverkauften Haag-Villa beim Literarischen Salon. 
So sieht der Veranstaltungs-Saal in der Haag-Villa aus. 


Grund für diesen literarischen Extra-Abend mit dem Motto "Martin Luther literarisch betrachtet" war der Anschlag der 95 Thesen durch Luther, am 31. Oktober 1517, an die Schlosskirche von Wittenberg, der dieses Jahr genau 500 Jahre zurückliegt. Auch wenn dieser Anschlag wohl ins Reich der unbewiesenen Legenden gehört, ist er für die Protestanten als Beginn ihrer Kirche ein überaus wichtiger Meilenstein.

Susanne Kasch, Pfarrerin bei St. Anna, fand beim Buch „Luther wollte mehr“ mit dem Drewermann-Gespräch anrührende Aussagen. Zu Luthers Hasstiraden auf die Juden brachte sie den denkwürdigen Satz zu Gehör: "Wäre nicht passierte, wenn Luther früher gestorben wäre."

Stadtdekanin Susanne Kasch. 


Astrid Gabler gefiel im Luther-Roman „Kinder des Ungehorsams“ von Asta Scheib besonders der Heiratsantrag, den die aus dem Kloster geflohene Nonne Katharina von Bora dem ehemaligen Mönch Martin Luther machte. Dabei erfuhr das Publikum auch, dass Frau Gabler schon 19 Jahre verheiratet ist. Schade, dass sie auf die umstrittene Rolle der Fugger-Familie bei der durch Luther angestoßenen Reformation nicht einging.

Astrid Gabler, Leitung Kommunikation Fuggersche Stiftung. 

Der Augsburger Kaufmann und Bankier Jakob Fugger war in diesen Glaubensstreit durch den umstrittenen Ablasshandel durch seine Mitwirkung verwickelt. Luther sprach daher von der "verdammten Fuckerei!" Durch den Ablasshandel, der von Luther als Schwindel und Geldmacherei bekämpft wurde, holte sich Fugger seine Kredite samt Zinsen an den Vatikan wieder zurück.

Die Freie Reichsstadt Augsburg, in der viele Luther-Sympathisanten lebten, war auch der Ort, an dem Martin Luther 1518 n. Chr. bei einem zweiwöchigen Aufenthalt mit dem Papst-Legaten Cajetan über seine Ansichten zum rechten Christenglauben debattierte. Luther wurde geraten aus Augsburg zu fliehen, damit er nicht als Ketzer auf dem Scheiterhaufen landete, wie hundert Jahre vorher der Kirchen-Kritiker Jan Hus.

Moderator Matthias Ferber. 

Moderator Matthias Ferber, Mitglied beim Direktorium des Gymnasiums St. Stephan, stellte Biographien, Sachbücher und Romane über Luther kurzweilig vor, die die verschieden Rollen, je nach Betrachtungsweise, dem Pionier der evangelischen Kirche in Deutschland beleuchteten: Reformer, Reformator, Kirchenspalter oder gar Rebell. Ferbers Favorit war unzweifelhaft das Buch „Luther – Ein deutscher Rebell“, verfasst vom Journalisten Willi Winkler, der Luther mit seinen Ideen und seinem Werk nur als Verbesserer der katholischen Kirche hinstellte. Allerdings, so Ferber, verflache dieses Buch zum Ende hin.

Erfrischend kritisch mit friedlich streitbarer Diskussionslust kam bei den Zuschauern der bestens informierte Bernhard Schiller rüber, der sich nicht scheute auch über Martin Luthers Judenhass und Gewaltphantasien zu sprechen. Er fand Winklers Buch nicht besonders gelungen. Sein Tipp als packende Luther-Lektüre ist ein ganz anderes Druckerzeugnis: "Luther der Ketzer" von Volker Reinhardt.
Bernhard Schiller, daz-Autor, mit Luther-Buch. 

Vermisst wurde von manchen Leuten im Publikum, zu denen auch Marius Müller von der Stadtteilbücherei Göggingen, die Kulturmanagerin Iris Steiner und die beiden Chefredakteure Jürgen Kannler von a3kultur und Siegfried Zagler von daz (die augsburger zeitung) gehörten, die Themen Hexenverbrennung und Bauernkrieg, die weitere dunkle Stellen im Leben und Werk von Martin Luther darstellen.
Cellistin Ruth Maria Rossel lockerte die Literatur-Veranstaltung
mit ihrer Musik auf. 

Organisator Kurt Idrizovic, Inhaber der Buchhandlung am Obstmarkt, hatte zur Auflockeung des "Lutheratur-Abends" die bekannte Augsburger Cellistin Ruth Maria Rossel eingeladen, was dem Publikum sehr gut gefiel. Natürlich wies er darauf hin, dass sämtliche präsentierten Luther-Bücher in seiner Buchhandlung am Obstmarkt zu bekommen sind. Im Sommer, so verkündete der unternehmungslustige Idrizovic, will er und sein Team den Literatur-Abend auch im Garten der Haag-Villa als Freiluft-Literatur-Salon ausrichten.
Büchertisch im Foyer der Haag-Villa. 

... 



* Folgende Veranstaltungs-Termine für den Literarischen Salon in der Haag-Villa werden angekündigt:

Dienstag, 16. Mai 2017 / 19.30 Uhr
Mit: Leonie Pichler (Theater bluspotsproductions), Daniela Hungbaur, (Augsburger Allgemeine, Wirtschaft), Horst Thiem (poetry-slam-master).
Moderation: Michael Schreiner (Augsburger Allgemeine, Leitung Kultur und Wochend-Journal)
Anschließend: 12 Lese-Empfehlungen in 12 Minuten

Dienstag, 13. Juni 2017 / 19.30Uhr
Mit: Marius Müller (Stadttteilbücherei Gögingen), Riochard Mayr (Augsburger Allgemeine), Kultur), Iris Steiner (Kultur-Büro Steiner).
Moderation Kurt Idrizovic (Buchhändler)
Anschließend: 12 Lese-Empfehlungen in 12 Minuten

Eintritt: 15,-/12,-
Ort: Haag-Villa, Johannes-Haag-Straße 14, 86153 Augsburg

Vorverkauf und Information:
Buchhandlung am Obstmarkt, Tel. (0821) 51 88 04

post@buchhandlung-am-obstmarkt.de

INFO: Bei der Haag-Villa handelt es sich um die Direktorenvilla, zur ehemaligen Johannes-Haag-Maschinen- und Röhrenfabrik AG gehörend. Der Architekt, unter dessen Leitung 1877 der Vorgängerbau errichtet wurde, ist unbekannt. Gesichtert dagegen ist, dass 1892 der renommierte Augsburger Architekt Jean Keller (u.a. Kurhaustheater) das Direktorenwohnhaus erweitert hat.

Dem hochherrschaftlichen Ambiente von Architektur und Park entsprechen die Ausstattungsmerkmale des Interieurs: Stuckdecken mit aufgemalter Holzmaserung, schwere Holzkassettendecken mit dekorativen Elementen, Stuckmarmor an Wänden und Säulen, Terrazzo- und Holzparkettböden, maserierte Fenster mit geätzten Scheiben.

Übrigens: Im Oberbeschoss der Haag-Villa befindet sich das Gourmet-Restaurant August.
Nächtliche Haag-Villa. 

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