Zeus schleudert Zorn - Stiller, ein großer Augsburger Künstler ist für immer fort - Wer hat ihn und sein Werk gekannt?

Eine beißende Betrachtung  über den Maler, Fotograf und Grafiker Siegfried Stiller, der vor einigen Tagen verstarb. Von seinem malenden Freund Reinhard Gammel zum Abschied 
Siegfried Stiller in seinem Atelier.

Alle Bilder von Siegfried Stiller erzählen Geschichten. Kurz mal daran vorbeischlendern bringt wenig. Diese Bilder sprechen vor allem in Symbolen und in der Tiefe. Sich darauf einzulassen kostet Anstrengung, nicht oberflächlichen ästhetischen Genuss. 
 
Bei Stiller ist die Unterwelt immer in Bewegung, die evolutionäre, die elementare. Das Männliche zur Linken, der Gekrönte, der Herrliche. In dämonischem Blau, wo sich maßlose Gesichter andeuten, voller Bedeutung. Der Troll oder Spross, der Kleine, diminuiert die Anmaßung bereits. Zeus schleudert Zorn, aber ein lächerliches Geschlecht. Der Demos, das Volk, setzt sich widergegen, das vieläugige, weit- und wegblickende, und sich ihm widersetzende. Heraldische Phalli, hin und her gerichtet, ohne Sinn und ohne Ziel. Ein Vatermord? Aber was für eine Farce! Stechen oder Spritzen. 

Stiller hat seine männliche Weltsicht dargestellt, nicht immer soft und political correct, aber mit Grund und mit Wucht. Seine hunderte tränenden, träufelnden, trunkenen Frauen als „Akte“ zu bezeichnen, in Wein, Kaffee und Blut auf die Leinwand gebracht, ist ein akademischer Sterilismus ohne jeden Begriff. Die Ironie des männliche Kampfbildes, das für die Vernissage-Karte ausgewählt wurde, steht für eine geradezu klassische Erhabenheit über solche banale Alltäglichkeit.

Ich liebe natürlich die Grafik von ihm, die über meinem Schreibtisch hängt. Stiller hat sie mir 2012 bei unserer gemeinsamen Ausstellung „Last Exit Fuckerstadt“ gemacht. Sie ist fast schwarz-weiß, fast kindlich-naiv, wie alle Künstler, die hoffen, mal ein Bild zu verkaufen. Sie küssen ihre potentiellen Kunden, sie beugen sich tief, um zu gefallen, sie trinken Rotwein und tauschen Small-Talk, aber irgendwie bleibt auf diesen Vernissagen eine Fremdheit, die nicht abstrakt ist. Ist nicht win-to-win. Es ist keine Begegnung auf Augenhöhe.

Am 13.4.2017 war die Vernissage zur Sigi-Stiller-Retro im Abraxas. Kiening vom BBK hat tatsächlich gesprochen, ein Armutszeugnis. Lebensdaten, er hat ihn ja kaum gekannt, und als Künstler nie registriert, und dann die bemerkenswerte Erkenntnis, dass die Entstehungsdaten der Bilder immer genau festgehalten wurden. Und dass Stiller akkurat immer auch den Rand bemalt hat.

Great.

Wie immer, nicht, oder kaum anwesend Politik und Stadt und Museen. Abgesehen vom Stadtrat Peter Grab und dem Landtagsabgeordneten Harald Güller. Aber wo war der Kuturreferent Thomas Weitzel? Wo waren die Herren der Galerien und Museen? Fehlanzeige! Die wissen halt nicht, was wahre Kunst ist. Aber viele Freunde, Kollegen und Trauernde waren anwesend.

Es gab auch keinen Rotwein, was Sigi nicht gefallen hätte. Es gab Wasser. Und Prosecco, immerhin. Offiziell hat man den Künstler Stiller in Augsburg überhaupt nie zur Kenntnis genommen. Das spricht nicht für den Sachverstand von Dr. Dr. & Co. Sie sind irgendwie blind. Stillers Gemälde könnten in jedem Museum der Welt hängen. Im Prado oder im MOMA. Er wurde nur nicht vermarktet. Deshalb hatten die Augsburger Museumswächter ihn auch nie auf dem Schirm. Und in Ateliers gehen sie schon gar nicht.

Da könnte man sich ja schmutzig machen. Bei Sigi Stiller waren auch die Bilder dreckig. Blood, Sweat & Tears. Keine Lebensfreude. Sex bis zur Ekstase. Tod und Verderben. Es fließt Blut und Kotze. Rotwein druff! Verausgabung. Wahrscheinlich sinnlos. Aber menschlich. Er hat eine eigene originelle expressionistische Tradition begründet: Kindermalerei, Babymalerei. Das ist der Hintergrund. Der Grund hinter den bürgerlichen Fassaden. 

Genau das mag man in Augsburgs satter Kultur-Welt jedoch gar nicht. Dass jemand hinter den schönen bürgerlichen Schein blickt.

Reinhard Gammel mit Rotweinflasche vor Stiller-Gemälden.

* * *

Siegfried Stiller:Eine Retrospektivje

13.4. - 27.04.2017
Kulturhaus Abraxas
Große Halle
BBK-Galerie

Öffnungszeiten: 
Di 14.00 bis 21.00 Uhr
Do, Fr, Sa 14.00 bis 18.00 Uhr
Eintritt: frei

Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus dem Nachlass von Siegfried Stiller.
Präsentiert von Mothership Connection (Kulturpark West und Kulturhaus abraxas) in Zusammenarbeit mit KUKI Musikkultur für Augsburg e.V.





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